Die Utopie der Gartenstadt
am Ende des 19. Jahrhunderts

Die Ausmaß der Überbevölkerung und sozialen Verelendung der europäischen Großstädte des 19. Jahrhunderts ist heute nur mehr schwer vorstellbar.

Auf die tristen Slums und von Smog verpesteten Wohnquartiere reagierte der Brite Ebenezer Howard (1850-1928) mit dem Vorschlag von Entlastungsstädten im Grünen, in denen die Bewohner dennoch nicht auf die Vorteile der Stadt verzichten müssten.

Nachdem Howard 1899 die erste Garden City Association gegründet hatte, wurde 1903 die Planung einer Gartenstadt Siedlung in Letchworth/Hertfordshire erstmals verwirklicht. Howard zu Folge sollte die Verwaltung aus einer Kapitalgesellschaft bestehen, die auch Eigentümerin des Geländes war. Die Häuser sollten im Eigentum der Bewohner stehen.

Die Stadtgrundrisse basierten auf seiner Idee eines sogenannten Town-Country Magnet, der das Zentrum darstellen sollte, in dem sich ein Park und öffentliche Gebäude um den sich in Form von konzentrischen Kreisen die Stadt ausbreitet.

Der äußerste Kreis war als Landwirtschaftsgürtel vorgesehen, aus dem die Stadt mit Nahrung versorgt wird. Nur ein geringer Anteil des Geländes sollte von der Industrie und den Häusern eingenommen werden, der Rest der Landwirtschaft vorbehalten bleiben.

Später gründete Howard in Welwyn und Hampstead noch zwei weitere Trabantenstädte im Grünen, die ebenfalls ein Zentrum aufwiesen, von dem sechs Ausfallsboulevards in Außenbezirke führen. Die 1919 abgelegte „erste Satellitenstadt Welwyn“ besitzt ab 1925 im Zentrum sogar einen Bahnhof.

In Kontinentaleuropa war es Richard Riemerschmied, der in Hellerau bei Dresden die erste deutsche „Gartenstadt“ schuf, von der sich Howard auch durchaus angetan zeigte. Im Vergleich zu den ursprünglichen Entwürfen  Howards handelte es sich aber mehr um eine nicht autarke Stadtrandsiedlung ohne jene komplexen Funktionen, die die Entwürfe in England auszeichneten. Das gleiche gilt für Bruno Tauts Siedlung Berlin-Falkenberg (1913).

Im übrigen waren weitere Gartenstädte sowohl in England wie am Kontinent eher grobe Vereinfachungen der Ursprungsidee und sollten eher als Kleingartensiedlungen, Grünhöfe oder Vorstädte von Großstädten begriffen werden. In diese Kategorien fallen in Wien wohl auch der in der Zwischenkriegszeit errichtete Karl-Seitz-Hof in Floridsdorf und die nach dem 2. Weltkrieg geschaffene Per-Albin-Hansson-Siedlung-West in Favoriten.